Ein Hoch auf den Fehler – Warum uns Makel, Unzulänglichkeiten und Fehlschläge erst wirklich voran bringen

Wir leben in einer Welt, in der jeder nach Perfektion strebt und Fehler als Makel verschrien sind. Wir verlangen von uns, eine perfekte Figur und diese vollkommene kleine Stupsnase zu haben. Wir möchten eine fehlerlose Karriere hinlegen, meisterhafte Liebhaber sein und die perfekten Eltern sowieso. Wenn wir Segelohren haben fühlen wir uns genauso unzureichend wie wenn der Kollege anstelle von uns befördert wird. Wer fünf Kilo zu viel auf den Rippen hat, hat versagt. Wer Lücken im Lebenslauf und keinen Auslandsaufenthalt vorzuweisen hat, ist sowieso schon gescheitert.

Perfektion führt zum Stillstand

Fehler machen - Glücksdetektiv

Gaby Stein / pixelio.de

Irren ist menschlich und kein Mensch ist perfekt. Das wussten wir eigentlich schon, aber leider scheint diese Einsicht in den letzten Jahren aus der Mode gekommen zu sein. Wenn wir jedoch von uns und anderen erwarten perfekt zu sein, ist das mit dem Anspruch verbunden, die alleinige Weisheit gepachtet zu haben. Und das führt zum vollkommenen Stillstand. Wer schon alles weiß, muss auch nichts mehr lernen. Wer alles kann, nichts mehr üben. Wir glauben immer auf dem Stand des absoluten Wissens zu sein. Und doch haben wir uns schon so häufig getäuscht. Dem jungen Max Planck wurde von seinem Mentor abgeraten Physik zu studieren, da in diesem Fach bereits alles Wesentliche erforscht sei. Nur wenige Jahre später hat Einsteins Relativitätstheorie die gesamte Physik revolutioniert. Dass die Erde eine Scheibe ist und die Sonne sich um sie dreht, haben wir auch lange für die alleinige Wahrheit gehalten. Wie können wir also jemals ernsthaft behaupten über das vollständige und einzig wahre Wissen zu verfügen?

Aus Fehlern lernen wir

Wir brauchen Fehler, um aus ihnen zu lernen. Fehler bringen uns weiter. Ohne Fehler gibt es keine Entwicklung. Die Entdeckung des Penicillins beispielsweise begann mit einer verschimmelten Bakterienkultur. Das Schälchen, in dem der schottische Bakteriologe Alexander Fleming vor seinem Urlaub eine Agarplatte mit Staphylokokken beimpft hatte, war offenbar nicht ganz sauber gewesen. Doch anstatt es nach seiner Rückkehr entnervt wegzuwerfen, sah Fleming etwas genauer hin und stellte fest, dass sich die Bakterien rund um den Schimmelpilz nicht vermehrt hatten. Der Ausgangspunkt für die Entwicklung des Penicillins.

„Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um“ (Ernst Bloch)

Fehler sind wichtig für unsere Entwicklung. Wenn wir laufen lernen, stürzen wir ein ums andere Mal. Wir begeben uns in Unsicherheit, probieren etwas Neues, fallen und stehen wieder auf. Und irgendwann gelingt es uns dann. Fehler gehören also zum Leben und Lernen dazu. Mehr noch, wenn wir es mit der Vorsicht übertreiben um von vorneherein möglichst alle Fehler zu vermeiden, tun wir uns keinen Gefallen. Weil wir über hochkomplexe Sicherheitssysteme verfügen, verlernen Piloten heutzutage immer mehr, wie sie ihre Maschine in einem Notfall manuell steuern können. Wer im Verlauf seiner Kindheit keine Sturzerfahrung macht, hat später häufiger mit Höhenangst zu kämpfen. Menschen, die versuchen möglichst keimfrei zu leben, entwickeln häufiger Allergien.

Fehler machen als Motor der Entwicklung und des Fortschritts

Fehler machen - Glücksdetektiv

Mario Heinemann / pixelio.de

Wenn ein Forscher nach der Durchführung seines Experimentes nicht das erwartete Ergebnis sondern ein gänzlich anderes erhält, bringt ihn das unter Umständen viel weiter, als wenn seine Hypothesen bestätigt worden wären. Entwicklung und Fortschritt setzen Ungereimtheiten, Makel und Fehler voraus. Wenn etwas schon perfekt ist, muss es nicht weiterentwickelt werden. Nehmen wir uns die Evolution selbst zum Vorbild. Sie ist nur durch eine gigantische Zahl fehlerhafter Gene möglich. Im Verlaufe der Geschichte wurden ständig neue, fehlerhafte Lebewesen produziert. Und was zunächst unvollkommen oder makelhaft wirkt, kann in der Zukunft lebensrettend sein. Ein weißes Reh wäre im heutigen Europa eine leichte Beute im grünen Gras. Bricht jedoch eine erneute Eiszeit aus, wird ihm eben jenes weiße Fell das Überleben sichern.

Auch die ganz Großen scheitern

Wenn Fehler also so wichtig für unsere Entwicklung sind, warum haben wir dann so eine geringe Fehlertoleranz? Das liegt mitunter daran, dass wir in Resultaten denken und nicht in Prozessen.  Prozesse sind immer fehlerbehaftet. Glücklicherweise. Denn das Scheitern treibt uns an, hilft uns zu optimieren und schrittweise der Lösung näher zu kommen. Im Resultat hingegen zählt alleine, was geleistet wurde und nicht, wie oft man auf dem Weg dorthin gescheitert ist. Der Amerikaner Thomas Alva Edison ist 1599-mal gescheitert bis er den perfekten Glühfaden für die Glühbirne gefunden hatte. Heutzutage wird er als Held betrachtet, als Entdecker und Erfinder. Einer, der den Fortschritt gebracht hat. Ich wette, zwischen seinem 400sten und seinem 1200sten Fehlversuch sahen die Einschätzungen ganz anders aus.

„Viele Menschen scheitern, weil sie aufgeben, ohne zu ahnen, wie nahe sie dem Erfolg bereits sind“ (Thomas Alva Edison)

Fehler machen - Glücksdetektiv

Lipofski Basketballphoto.com

Google ist ein milliardenschweres Unternehmen und Marktführer auf dem Gebiet der Internetsuchmaschinen. Und trotzdem (oder gerade deshalb) enden 80 Prozent aller Google-Erfindungen als Flop. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und wer sich nicht ständig erneuert, der hat bereits verloren. Woran denken wir, wenn wir den Namen Michael Jordan hören? An einen Ausnahmebasketballer? An seine zahlreichen Auszeichnungen und Medaillen? An seinen Titel als „Sportler des Jahrhunderts“? Alles davon ist richtig. Und doch bekennt er selbst in einem Werbespot:  „Ich habe mehr als 9000-mal danebengeworfen und fast 300 Spiele verloren. 26-mal wurde mir der spielentscheidende Wurf anvertraut, und ich warf daneben. Ich scheiterte immer wieder in meinem Leben. Deswegen bin ich erfolgreich.“

Und was lernen wir daraus?

Dem perfekten Anspruch kann auf Dauer niemand gerecht werden. Mensch sein heißt Fehler machen. Das gehört dazu und das ist auch gut so. Wir müssen lernen, Fehler nicht zu verteufeln, sondern zu akzeptieren, ja sogar zu begrüßen. Fehler lehren uns, es bei nächsten Mal besser zu machen. Sie weisen uns in unsere Schranken, lehren uns Demut, aber auch Toleranz. Wir lernen durch sie, dass wir nicht alles kontrollieren können; dass wir Menschen sind und keine Maschinen.

Zum Abschluss noch ein kleines inspirierendes Video über berühmte Fehler: http://www.youtube.com/watch?v=dT4Fu-XDygw

Meine YouTube-Folge zum Thema Fehler

3 Kommentare
  • Bist auch du ein Opfer vom Optimierungswahn? - Glücksdetektiv
    schrieb um 18:45h, 19 März Antworten

    […] nicht auch ein bisschen Aufregung und Abenteuer? Macht unsere Spontanität uns nicht besonders? Machen uns unsere Fehler denn nicht liebenswert und unsere Schwächen nicht […]

  • Rapha
    schrieb um 16:05h, 16 November Antworten

    Hallo Katharina,

    ich bin gerade, durch Zufall, bei meiner Recherche für meinen neuesten Blogbeitrag zum Thema „Weniger Angst vorm Fehler machen“ auf deinen Artikel hier gestoßen.

    Vielen Dank dafür, dass ich nicht alleine mit meiner Meinung stehe 🙂
    Ich sehe es genauso wie du, nur durch Fehler kann man als Persönlichkeit wachsen.

    Viele Grüße nach Berlin,
    – Rapha –

    • Glücksdetektiv
      schrieb um 16:40h, 17 November Antworten

      Lieber Rapha,

      sehr schön! Danke dir für den Kommentar!
      Es ist halt nicht leicht, weil uns überall eingebläut wird, dass wir auf keinen Fall Fehler machen dürfen.
      Dabei können wir sie gar nicht verhindern… ein bisschen mehr Toleranz und Blick auf die Chancen des Ganzen würde ich mir auch häufig wünschen…

      LG, Katharina

Hinterlasse einen Kommentar