Entschleunigung – ein Lob auf den Müßiggang

„Zeit ist Geld“ lautet das Credo, das uns allen schon von Kindesbeinen an eingetrichtert wird. Mit Hilfe zahlreicher To Do Listen und dem allseits beliebten Multitasking versuchen wir unserer wenigen Zeit Herr zu werden und dabei bloß keine Minute zu verschwenden. So hetzen wir durch unsere optimierten Tagesabläufe, erledigen den Frühsport vor der Arbeit und tätigen unsere Einkäufe hernach noch bevor wir zu unserer Afterwork-Verabredung eilen.

Müßiggang - GlücksdetektivWas wir unter der Woche nicht schaffen, wird aufs Wochenende verlegt, so dass auch unsere Freizeit immer häufiger mit Terminen überladen wird. Kopfschmerzen, Verspannungen, Magenschmerzen, Schlaflosigkeit, Verdauungsschwierigkeiten und sogar Herzinfarkte bleiben auf diese Weise nicht lange aus.

Denn was wir unserem Körper und unserem Geist damit abverlangen ist enorm. Wir erwarten von uns zu funktionieren wie eine Maschine oder ein gut geöltes Werkzeug. Das sind wir aber nicht. Als Menschen brauchen wir Erholung, Entspannung, Ausgleich, Zeit zum Nichtstun. Natürlich können wir für eine begrenzte Zeit überaus effektiv funktionieren. Aber nicht auf Dauer. Früher oder später kommt der Zusammenbruch und sei es nun eine Erkältung, ein Magengeschwür oder der Burn-Out.

Höchste Zeit also uns einem sehr wichtigen Thema zuzuwenden: dem Müßiggang.

Was ist Müßiggang

Müßiggang - GlücksdetektivDer Begriff Müßiggang wird heutzutage kaum noch verwendet. Er kann Nichtstun heißen oder auch sehr viel tun. Im Grunde kann man beim Müßiggang machen, wonach einem der Sinn steht: aus dem Fenster sehen, Sterne zählen, Leute beobachten, stricken, singen, dösen, Kleidung aussortieren und so weiter und so fort. In Jedem Fall aber geschieht die Tätigkeit ohne jeden Leistungs- und Ergebnisdruck. Zwang, Eile und Hektik existieren in der Welt des Müßiggängers nicht. Deswegen wird der Müßiggang auch gerne mit Faulheit verglichen. Aber damit wird man ihm nicht gerecht. Denn beim Müßiggang passiert weit mehr als man denkt.

Die Vorteile des Müßiggangs

Biologen und Psychologen konnten zeigen, dass unser Gehirn während des Nichtstuns jede Menge zu tun hat. Zeiten des Müßiggangs sind sogar Voraussetzung für Lernen und Kreativität.

Denn in all diesen Situationen, in denen äußerer Input fehlt, beschäftigt sich unser Gehirn vor allem mit sich selbst: Es verarbeitet Gelerntes, sortiert das Gedächtnis und greift dabei auch auf unbewusst aufgeschnappte und längst wieder vergessene Informationen zurück.

Manche Hirnregionen sind beim Tagträumen, Schlafen oder Meditieren sogar stärker aktiv als beim zielgerichteten Denken.

Auf diese Weise lassen sich auch die berühmt berüchtigten Geistesblitze erklären. So wurde Archimedes das Prinzip des Auftriebs beim Plätschern in der Badewanne bewusst und Newton entdeckte das Gesetz der Schwerkraft beim Dösen unterm Apfelbaum.

Müßiggang - GlücksdetektivPhasen des Müßiggangs sind also schöpferische Zustände. Guter Schlaf verbessert zudem die Leistungsfähigkeit. Wer Vokabeln lernen muss, sollte dies kurz vor dem Zubettgehen machen und dann erst einmal eine Nacht darüber schlafen. Der Schlaf stärkt das Gedächtnis und die Vokabeln werden besser behalten.

Daneben fördert Müßiggang die Regeneration: der Blutdruck wird gesenkt, die Durchblutung gefördert, der Energiehaushalt des Körpers verbessert, Stress reduziert und das Immunsystem gestärkt. Müßiggang hilft uns also unsere Batterien wieder aufzuladen und unser seelisches Gleichgewicht zu finden.

Manch einer der ganz großen Konzerne hat die wohltuende Wirkung des Müßiggangs bereits erkannt. Apple oder Microsoft bspw. haben in ihren Bürogebäuden sogenannte Ruhezonen geschaffen, die den Angestellten Gelegenheit bieten, für kurze Zeit abzuschalten und aufzutanken.

Wie kann ich Müßiggang in mein Leben integrieren?

Bei den genannten Vorteilen wäre es grob fahrlässig, wenn wir uns nicht jeden Tag mindestens einmal ausführlich dem Müßiggang hingeben würden. Warum also fällt es vielen von uns so schwer?

Müßiggang - GlücksdetektivDie Antwort darauf ist mal wieder in unserer Erziehung und dem gesellschaftlichen Leitbild zu finden. Wir haben gelernt, dass Zeit kostbar ist. Deshalb meinen wir, jede Aktivität rechtfertigen zu müssen. Nach 8-9 Stunden bei der Arbeit möchte man seinen Feierabend oder das Wochenende bestmöglich nutzen. Klar könnten wir jetzt eine Stunde unser Lieblingsbuch lesen. Aber wäre es nicht viel sinnvoller, wenn wir uns jetzt dem wichtigen Telefonat widmen und parallel vielleicht die Wäsche aufhängen? Wie sieht das denn aus, wenn am Montag bei der Arbeit alle von ihren fabelhaften Wochenendausflügen- und unternehmungen erzählen und ich das ganze Wochenende einfach im Bett geblieben bin? Werden mich nicht alle für faul halten oder für eine Versagerin?

Aus diesen Gedankengängen ist nur schwer auszubrechen. Einen Anfang machen wir, indem wir erkennen, wie gut Phasen des Nichtstuns für Körper und Geist sind. Wenn man das verstanden hat, kann man versuchen, Müßiggang als notwendige Balance in jeden Arbeitstag zu integrieren, anstatt ihn als bloße Zeitverschwendung zu betrachten.

Und was lernen wir daraus?

Müßiggang oder Entschleunigung sind absolut zentral für unser geistiges und körperliches Wohlbefinden. Wir sollten Phasen des Müßiggangs zelebrieren oder sogar feste Zeiten dafür einrichten. Und dann heißt es Schuldgefühle aus, Batterien an. Denn selbst wenn Müßiggang keinerlei Vorteile für uns bereithalten würde, ist es absolut legitim manchmal einfach Nichts zu tun. Ganz egal was die Kollegen am Montag darüber denken. Kein Aber. Basta.

Hier zeigt Euch Marc-Uwe Kling wie es geht:

„Ich hab mir vorgenommen heute nichts zu machen.“ sage ich. „Soso“, sagt das Känguru. „Und ich Dummerchen dachte, das wäre gestern Dein Plan gewesen.“ „Nee“, sage ich. „Gestern hab ich nur nichts gemacht. Ich hatte mir aber nicht vorgenommen, nichts zu machen. Deswegen war ich denn am Ende des Tages unzufrieden, weil ich nichts gemacht hatte. Heute Abend aber werde ich zufrieden sein, weil ich das erreicht haben werde, was ich mir vorgenommen hatte.“ „Nichts“, sagt das Känguru. „Genau.“ […] „Es ist gut, sich Ziele zu stecken.“ lobt das Känguru und nickt.

Ausschnitt aus: Die Känguru-Chroniken: Ansichten eines vorlauten Beuteltiers*

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