Wie uns Schule, Erziehung und Gesellschaft die Freude an der Arbeit nehmen

Kinder haben ein angeborenes Bedürfnis sich kompetent und selbstbestimmt zu erleben und äußern dieses, indem sie neugierig und interessiert die Dinge ihrer Umgebung erforschen und sich neuen Herausforderungen stellen. Sie zeichnen sich durch eine hohe intrinsische Motivation aus. Im Verlauf der Kindheit wird diese jedoch nach und nach zerstört und durch eine Orientierung ersetzt, in der alles nur noch Mittel zum Zweck ist. Schuld daran sind diverse Aspekte in der Schulumgebung, bestimmte Erziehungspraktiken aber auch gesellschaftliche Glaubenssätze allgemein.

Schule: der Weg ist egal, was zählt ist das Ziel

Zum Verlust von intrinsischer Motivation kommt es u.a. wenn Ereignisse als kontrollierend wahrgenommen werden. In der Schule, wo besonders viel Wert auf regelmäßige Leistungsbeurteilungen gelegt wird, wird dies zu einem großen Problem. So ist es nicht verwunderlich, dass die intrinsische Motivation im Verlauf der Schulklassen graduell abnimmt, d.h. mit zunehmendem Alter zeigen Kinder weniger Interesse für intellektuelle Herausforderungen und werden seltener durch Neugier zum Lernen motiviert. Zeitgleich nehmen negative Einstellungen gegenüber dem schulischen Lernen zu. Verantwortlich dafür ist die Tatsache, dass die Schulumgebung im Verlauf der Klassen sowohl unpersönlicher und evaluativer als auch wettbewerbsorientierter wird. Soziale Vergleiche werden zunehmend wichtiger, da Schüler in standardisierten Tests im Vergleich zu ihren Mitschülern benotet werden und weil Informationen über das Abschneiden in diesen Tests stärker öffentlich gemacht werden. Die Kinder lernen so zunehmend, dass sie für die Produkte ihrer Anstrengungen belohnt werden und nicht für ihr eigentliches Interesse am Lernstoff.

Während sich die an Zahlen interessierte Anna in der Grundschule also noch gerne kreative Lösungswege für mathematische Probleme ausdenkt, wird ihr spätestens mit Wechsel aufs Gymnasium jede Experimentierfreude vergehen. Denn obwohl sie mehr Interesse an Mathe hat als ihre Mitschüler und den Stoff viel besser versteht, garantiert ihr ihre Herangehensweise nicht die besten Noten. Und das es auf diese ankommt, lernt sie durch die Reaktionen ihrer Lehrer und Eltern, durch hämische Kommentare ihrer Mitschüler und spätestens wenn es um die Zulassung zum Abitur geht. Hier wird sie deswegen nur noch genau das machen, was von ihr verlangt wird. Die Standardlösung für die Aufgabe xy anwenden. Denn wenn sie das macht, bekommt sie eine gute Note, und wenn sie die hat, kann sie studieren und mit einem Uniabschluss kriegt sie dann auch einen gut bezahlten Job…

Eltern: Wenn-Dann-Regeln als beliebteste Erziehungsmaßnahme

Aber nicht nur die Anforderungen der Schulkultur lassen uns die Freude am Lernen vergehen. Mit gut gemeinten aber fehlgeleiteten Erziehungspraktiken tun Eltern häufig ihr übriges. Fragt man Eltern beispielsweise nach effektiven Techniken um das Interesse von Kinder an akademischen Aktivitäten zu steigern, rangieren Belohnungen an erster Stelle. Je größer die Belohnung desto besser das Lernen, so die Meinung vieler Eltern.

Ein Klassiker im Erziehungsinventar sind daher „Wenn-Dann-Sätze“ jeglicher Art. Wer hat nicht in seiner Kindheit den folgenschweren Satz gehört: „Wenn du deine Hausaufgaben machst, dann darfst du Fußballspielen“ oder „wenn du Klavier geübt hast, dann darfst du Fernsehen“. Paradoxerweise erreichen diese Sätze das genaue Gegenteil von dem, was sie bewirken sollen. Denn wann immer man zwei Aktivitäten in eine „wenn-dann“-Reihenfolge bringt, wird die „dann“-Aktivität attraktiver, während das Interesse für die „wenn“-Aktivität abnimmt. Das bisschen Restinteresse, das Anna noch an der Mathematik verspürt, verliert sie jetzt durch das Versprechen auf Fußballspielen und Fernsehen.

Gesellschaft: der Mittel zum Zweck regiert die Welt

Nun kann man den Eltern keinen Vorwurf machen, dass sie so denken, denn die meisten von uns leben in einem Umfeld, in dem so gut wie jede Tätigkeit durch einen Anreiz verstärkt wird. „Wenn deine Noten gut genug sind, kannst du zur Uni gehen“;  „Wenn du genug verkaufst, bekommst du eine Festanstellung“; „Wenn du viele Überstunden machst, wirst du befördert“; „Wenn du genug Neukunden an Land holst, bekommst du einen Bonus“. In einer Welt, in der alles als Mittel zum Zweck angesehen wird, wird nicht mehr zwischen interessanten und uninteressanten Aufgaben unterschieden. Das Verständnis dafür, dass Lernen auch Spaß machen kann oder das man bestimmte Arbeiten gerne ausführt, ist völlig abhanden gekommen.

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Mit diesen und ähnlichen Sätzen wird uns also von klein auf vermittelt, dass Arbeit anstrengend ist und keinen Spaß macht, aber gemacht werden muss. Dies führt zu einer künstlichen Trennung von Arbeit und Freizeit, in der Arbeit etwas lästiges und negatives ist, während Freizeit schön und erstrebenswert ist. Und so quälen sich Millionen von Menschen jeden Montag aufs Neue durch ihre Arbeitswoche. Noch fünf Tage, noch vier Tage, noch 8 Stunden, noch 2 Stunden. Endlich Wochenende!

Auch Anna wird nach ihrem Studium, in dem sie genau das erforderliche Buch gelesen und genau die vorgeschriebene Veranstaltung besucht hat, die ihr den Abschluss garantiert, hoffnungsvoll in ihren ersten Job starten und auch hier wieder penibel jede Aufgabe in genau der Art und Weise erfüllen, die sie zur nächsten Beförderung bringen wird. Vielleicht fragt sie sich insgeheim ob es normal ist, dass sie die Arbeitsroutine langweilt oder sie keine Freude mehr an der Mathematik verspürt, aber durch Familie und Freude wird sie darin bestärkt, dass es genauso sein muss. Denn wer von uns hat nicht schon einmal auf eine Klage über Arbeitsbedingungen oder Arbeitsfrust den Satz gehört: „Willkommen in der Arbeitswelt“. Als gehöre es selbstverständlich zum Leben dazu, dass wir alle in diesem elenden Moloch namens Arbeit unsere Zeit fristen müssten. „Arbeit ist hart“, „Arbeit soll keinen Spaß machen“. Diese Glaubenssätze bekommen wir schon als Kind eingepflanzt und sie setzen sich bis ins hohe Erwachsenenalter fort. So ist es nicht verwunderlich, dass wir zu der Ansicht gelangen, dass Leben heißt, bestimmte Dinge tun zu müssen. „Das Leben ist eben kein Ponyhof!“.

Und was lernen wir daraus?

Wir sollten darauf achten, die negativen Einstellungen gegenüber Arbeit, die viele von uns haben, nicht auf unsere Kinder zu übertragen. Wir sollten aufmerksam sein, damit wir echtes Interesse und intrinsische Motivation noch erkennen, wo sie vorkommt und unseren Drang, jede Tätigkeit durch Geld oder andere extrinsische Anreize zu belohnen, unterdrücken. Denn sonst erreichen wir genau das Gegenteil von dem, was wir beabsichtigen: wir zerstören das angeborene Interesse unserer Kinder und ihren Spaß an neuen Herausforderungen, verschlechtern ihre Leistungen und erziehen sie zu denselben arbeitsunwilligen Robotern, die ihre Stunden bis zum Feierabend zählen, die viele von uns bereits sind.

Boggiano & Pittman (1992):„Achievement & Motivation“ *

11 Kommentare
  • Anni
    Geschrieben um 00:46h, 26 März Antworten

    Hey Kathi,

    deinen letzten Artikel finde ich total super (vom Inhalt und der Art und vom Schreibstil her)!
    Ich habe eine Frage dazu, denn die kann ich mir nicht beantworten. Was ist, wenn mein Kind kein Mathe mag? Bleibt dann nicht als einzige Alternative das „Sorry, du musst, denn ich garantiere dir das Mathe wichtig ist“ ? Wir sind ja nicht für alles intrinsisch motiviert (also für Mathe war ichs nicht 😉 )

    Liebste Grüße!

  • Schnuppi
    Geschrieben um 02:24h, 26 März Antworten

    Hey Anni,
    ich bin zwar nicht Kathi, aber habe dazu auch einen Gedanken:
    Später mal, wenn dein Kind groß ist, wird es möglicherweise eine Lebensart finden, die ausfüllend ist und ertragreich, aber nicht sehr viel mit Mathe zu tun hat, sondern mit anderen schönen Dingen.

    Bis dahin wird Mathe in der Schule abgefragt, aber dein Kind findet das vielleicht nicht sinnvoll, wenn es keine Vorliebe dafür hat. Das geht ja anderen Kindern mit diesem oder anderen Fächern auch so, ich sage mal zB. Schulsport.

    Da hilft denke ich nur, die Situation wahrheitsgemäß erklären: in Deutschland herrscht dieses System. Damit man hier weiter zur Schule gehen darf, muss man auch die unliebsamen Fächer bestehen. Damit man später von vielen Mitmenschen nicht als dumm oder ungebildet bewertet wird, braucht man einen Schulabschluss und eine umfassende Allgemeinbildung.

    Einverstanden wird dein Kind mit dieser Situation sicherlich nicht sein. Aber einverstanden sind viele Erwachsene damit auch nicht. Und damit sich eine Situation eines Tages mal ändern kann, bedarf es erstmal einiger Individuen, die sich ihres Nichteinverständnisses bewusst sind. Und dein Kind kann bald zu denjenigen gehören, die mit fundierten Argumenten begründen können, warum sie sich nur widerwillig in dieses System fügen, und warum sie sich wünschen, dass sich diese Situation ändert.

    Um dem Ganzen noch einen bunten Charakter zu geben, kannst du ja dein Kind bitten, aufzumalen, aufzuschreiben oder zu basteln, wie es sich die Schule statt dessen wünscht und wie es sich vorstellt, dass es für alle am besten wäre. Da sind vielleicht ein paar brauchbare Ansätze dabei, die möglicherweise auch zur Kompetenzbildung hinführen. Dieses Hobby kann man sogar auf andere Lebensbereiche ausdehnen. Und sogar den anderen Eltern mal vorschlagen. Oder vielleicht den Lehrern der Schule? Wer weiß?

    Liebe Grüße,
    Schnuppi

  • Katharina Tempel
    Geschrieben um 22:27h, 26 März Antworten

    @ Anni: Da hast Du natürlich recht. Man kann nicht für alles intrinsisch motiviert sein. Insofern haben Belohnungen oder andere Verstärkungen ja auch ihre Berechtigung und können uns dort motivieren, wo wir von Haus aus kein Interesse mitbringen. Wichtig ist nur, dass wir beides voneinander unterscheiden und die intrinsische Motivation, da wo sie vorkommt, nicht zerstören sondern unterstützen.

    @ Schnuppi: vielen Dank für diese interessanten Gedanken. Du hast da etwas sehr wichtiges angesprochen, nämlich, dass wir uns der Umstände und Konsequenzen bewusst werden müssen. Das Schulsystem wird sich sicherlich nicht von einem auf den anderen Tag ändern, aber es wäre ein guter Anfang sich vor Augen zu führen wo Änderungsbedarf besteht. Deine kreativen Anregungen zur Auseinandersetzung mit dem Thema finde ich da sehr gelungen.

  • salzstart
    Geschrieben um 10:04h, 12 Mai Antworten

    Hallo,

    die videos von Ken Robinson über Kreativität und Erziehungswesen (ted, youtube) sind sehenswert. In humorvoller und mitreissender Weise schildert er das heute Schulwesen (in den meisten Industriestaaten gleich) und seine (desaströsen) Auswirkungen.

    Was ich nicht verstehe: Unsere Unternehmen, unsere Gesellschaft brauchen doch neue und noch nicht dagewesene (also kreative) Produkte und Lösungen. Wer soll die denn erschaffen, kreiren, immaginieren, erdichten und designen???

    Zum Thema Mathe:
    Meine liebe Tochter Isabella steht in Mathe 3. zw. 2-3. Es mangelt nicht am Fleiß, aber ich habe rausgefunden, dass sie ein negatives Selbstbild hat. Sie behauptet, dass Mädchen eben schlecht in Mathe sind.
    Dies ist auch noch Wirklichkeit. Der Grund für die geringere Motivation kann auch darin liegen, dass frau glaubt/sich selbst einredet diese Fähigkeiten nie erlangen zu können.
    Ich versuche dann, mit Isabella darüber zu reden, dass „alle“ Menschen Mathe lernen können.
    Ich weiß jedoch nicht, wo diese Fixierung herkommt. Von Klassenkameraden?

    Und ja, das Credo, dass das „innere Feuer“ lodern muß, spricht mir aus der Seele. Wie lernen wir denn laufen und sprechen? Kein Bonbon, video oder playmobil-Feenburg kann sich mit dieser Mächtigkeit der Aneigung der Welt messen.
    Wahrscheinlich sind Konzepte zum Anleiten, Anfixen der Lehrinhalte schwierig und mühselig zu entwickeln. Und müßten noch jahrhunderte alte Traditionen und Organisationen überwinden…

    lg
    micca

  • Katharina Tempel
    Geschrieben um 12:27h, 13 Mai Antworten

    @ Micca:

    danke für den Tipp mit den Videos von Ken Robinson. Die kannte ich noch nicht.
    Absolut richtig, dass die Gesellschaft kreative Lösungen und Produkte benötigt. Hier fehlt einfach die nachhaltige Sichtweise darauf, wie das zu erzielen ist.

    Das Problem mit Mädchen und Mathe ist natürlich altbekannt. Es gibt so viele verschiedene Einflussquellen, die dafür verantwortlich sein können. Wenn es nicht zu Hause vermittelt wird, kann es in der Schule passieren, wenn Lehrer beispielsweise mit bereits vorgefertigten Meinungen bestimmte Ergebnisse erzielen. Natürlich kann dieses Bild auch von den Klassenkameraden stammen oder durch die Medien erzeugt werden, die jungen Mädchen noch immer vorwiegend rosafarbene Barbie,- Koch- und Schminkwelten zur Verfügung stellen, während Jungs die Eroberer, Physiker und Erfinder sein dürfen.

  • Übung #3: Berufswahl – die eigene Berufung finden | Glücksdetektiv
    Geschrieben um 13:06h, 13 November Antworten

    […] dieser Zugang geht zumeist verloren, wenn wir den „Ernst des Lebens“ kennen lernen und beständig von außen gesagt bekommen was geht und was nicht. Und ehe man sich […]

  • Marie
    Geschrieben um 01:12h, 08 Februar Antworten

    Hallo Katharina,
    vielen Dank für den schönen und interessanten Blog!
    Ich habe eine Frage zu dem von dir in diesem Beitrag beschriebenen Thema.
    Ich hoffe ich kann mich so ausdrücken, dass meine Gedanken verständlich sind.
    Und zwar gibt es sehr oft folgende Verhaltensweise von Eltern oder auch engen Verwandten: Sie wünschen sich, dass ihr Kind das macht, hat oder schafft, was sie selbst nie machen konnten, haben konnten oder nicht geschafft haben. ZB. hatte meine Mutter als Kind auf tragische Art und Weise ihre Kuscheltiere verloren. Ich selbst habe meine Kuscheltiere behütet wie goldene Schätze und hatte sie ewig – im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich sie höchstwahrscheinlich auch durch das Einwirken meiner Mutter solange hatte. Jetzt frage ich mich – war es meine Vorliebe, oder kam das durch das Einwirken meiner Mutter? Das ist nur ein Beispiel von vielen… In anderen Familien geht das so weit, dass die Eltern vorschlagen welchen Beruf die Kinder machen sollten und die Kinder machen das auch, da sie durch die Eltern ein gutes Gefühl dazu vermittelt bekommen haben. Als Kind, denke ich, ist es ein Teil normal, dass man auf die Sympathie der Eltern angewiesen ist und das gut findet was die Eltern gut finden. Das soll so sein! Aber als Erwachsener sollte sich das ändern. Ich frage mich bzw. dich, ob es dazu wissenschaftliche Erkenntnisse gibt? Inwiefern ist ein Kind eigentlich selbstbestimmt? Oder entwickelt sich die Selbstbestimmung erst während der Pubertät? Ich glaube ja.

  • Entschleunigung – ein Lob auf den Müßiggang | Glücksdetektiv
    Geschrieben um 10:15h, 10 Februar Antworten

    […] Marie sagt:"Hallo Katharina, vielen Dank für den schönen und interessanten Blog! Ich habe eine Frage zu dem von.." bei Wie uns Schule, Erziehung und Gesellschaft die Freude am Arbeiten nehmen […]

  • Katharina Tempel
    Geschrieben um 11:28h, 11 Februar Antworten

    Liebe Marie,

    vielen Dank für dein Lob!
    Da sprichst du ein allseits bekanntes Phänomen an. Man trifft immer wieder auf Kinder, die bspw. den Beruf ihrer Eltern ergreifen. Das ist auch zu einem gewissen Grad sehr verständlich. Als Kinder lernen wir zu einem großen Teil durch Modelllernen. D.h. wir beobachten andere und ahmen ihre Verhaltensweisen nach. Da die Eltern über viele Jahre unsere wichtigsten Bezugspersonen darstellen, übernehmen wir einen Großteil unserer Verhaltensweisen und Einstellungen von ihnen.

    Wenn die Kinder älter werden, entwickelt sich nach und nach ihre Selbstbestimmung. Wann das genau passiert, hängt natürlich vom kognitiven und auch physischen Entwicklungsstand des Kindes ab. 10 Jahre bilden hier einen ungefähren Richtwert.

    In einer guten Eltern-Kind-Beziehung sollte das Kind nun mehr und mehr Eigenständigkeit zugesprochen bekommen, in dem es z.B. bei Entscheidungsprozessen beteiligt wird. Eltern sollten diesen Prozess unterstützen, weil es ein natürliches Bedürfnis von Kindern ist, sich selbstbestimmt und autonom zu erfahren. Natürlich können Eltern aber auch jede Menge tun, um diese Entwicklung zu verhindern oder zu verzögern.

    Neben diesen Prozessen sind Kinder aber auch von Natur aus neugierig und erforschen, wenn man sie denn lässt, mit Freude die Dinge ihrer Umgebung. Dabei können sich natürlich viele Interessen entwickeln, die sie nicht mit ihren Eltern teilen. Hier kommt es immer darauf an, inwiefern Kinder die Möglichkeit dazu bekommen. Wenn ich als Mutter, weil ich früher immer am liebsten mit Puppen gespielt habe, meinen Kindern auch nur Puppen zum Spielen gebe, entwickelt sich diese Vorliebe höchstwahrscheinlich gleich. Wenn ich aber meinem Kind auch einen Chemielaborkasten zur Verfügung stelle, entwickelt es vielleicht Freude an Chemie – ganz im Gegensatz zu mir 

    Ich hoffe, ich konnte deine Frage ein bisschen beantworten.

    Liebe Grüße,
    Katharina

  • Luise
    Geschrieben um 16:08h, 05 Oktober Antworten

    Ich war im Schulsystem erfolgreich und hatte immer gute Noten. Glücklich war ich aber nicht. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich in Wirklichkeit dumm bin und das hoffentlich niemand merkt. Viele Jungs waren schlechter und einer hat mir gesagt, dass er ja in Wirklichkeit viel besser ist, als es die Noten ausdrücken. Er war also das Gegenteil von mir. Trotz Erfolg nicht glücklich zu sein, ist schon ein bisschen traurig. Inzwischen geht meine Tochter zu Schule. Sie ist auch erfolgreich. Aber den Preis finde ich oft hoch. Ich und andere Eltern waren erstaunt, welch hohe Ansprüche schon die Grundschule heute stellt. Meine Tochter hat auch weniger Zeit als ich früher, weil sie schon in der Grunschule viel lernen muss. Ich habe da nicht viel machen müssen. Wir haben beide im Sommer Geburtstag. Ich wurde damals später, also mit fast 7 eingeschult. Bei ihr wurde anders entschieden. Für Neugier, experimentieren und spielerisches Lernen ist keine Zeit. Dann muss ja auch noch ein Instrument gelernt werden. Flöte spielen hat bei mir die ganze Grundschulzeit gedauert. Zuerst haben wir Rasseln gebastelt, Rhythmus geklatscht usw. Meine Tochter musste in 2 Jahren Flöte lernen, ohne basteln und danach „kam dann“ das weiterführende Instrument. So wird es angeboten. Wer sich mehr Zeit lässt, ist nicht mit seinen Klassenkameraden zusammen und sitzt irgendwann im Schulorchester zwischen den Kleinen. Also fügt man sich. Aber mit entdecken, Neugier usw. hat das nichts zu tun. Ich bin einfach immer nur froh, wenn wir das alles schaffen. Letzens sagte sie mir ganz zaghaft, dass ihr die Schule nicht mehr so viel Spaß macht (sie ist inzwischen in der 6. Klasse). Ich habe mich eigentlich schon immer darüber gewundert, wie viel Spaß sie überhaupt bisher hatte. Das kenne ich nicht.

    • Glücksdetektiv
      Geschrieben um 18:17h, 12 Oktober Antworten

      Vielen Dank für deine Erfahrungen. Ich kann deine Worte sehr gut nachempfinden. Das ist leider eine sehr traurige Entwicklung, die irgendwann kollabieren muss, weil Menschen nun mal keine Maschinen sind und unter zu viel Druck zerbrechen.
      Deiner Tochter kannst du sicher dadurch helfen, offen mit ihr über die Anforderungen zu reden und ihr verstehen zu geben, dass deine Zuneigung nicht abhängig von ihrem schulischen Erfolg ist. Vielleicht könnt ihr ja auch am Wochenende einen Gegenpol herstellen, indem es ausreichend Zeit für Spaß, Neugier, intrinsisches Interesse und Entspannung gibt.

      LG, Katharina

Hinterlasse einen Kommentar